Das schöne Weisse

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In einer kinderreichen Familie der Kleinere zu sein, hat auch manchen Vorteil. Wenn es Arbeit gibt, sagt der Vater: „Die Größeren tun sich leichter, lasst den Kleinen in Ruh!“ Die Mutter schickt einen der Größeren zum Einkaufen, weil sich der Kleine immer zu lange Zeit lässt und oft falsche Dinge bringt.


Aber wenn die Eltern einmal nicht zu Hause sind, wird der Spieß umgedreht. Die Großen rächen sich am Kleinsten und lassen erkennen, dass der Zwerg nichts zu sagen hat. Auch wenn der eine Bruder gerade vier Jahre älter ist, hat er schon die Messergewalt, sogar für das ganz Scharfe. Er schneidet sich einen Keil vom hausgebackenen Brotlaib ab und macht sich dann über das Hausgeräucherte her. Eine Scheibe nach der anderen schiebt er sich in den Mund.


Ich stehe neben dem Tisch mit verdrehten Augen, weil es ihm so gut schmeckt. Er nimmt mich nicht zur Kenntnis. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Endlich fass’ ich mir Mut und sage: „Ich möcht’ auch was haben!“ „Ja freilich“, sagt er, „warte einen Moment“. Er schneidet eine Scheibe vom Geräucherten ab, schneidet sie nochmal in der Mitte durch und verkündet gnädig: „Schau her, Du kriegst das schöne Weisse, und ich ess´ das hässliche Rote!